222006 Medien und Gewalt III: "Wer ist schuld?" Über kollektive Erregungszustände bei Amokläufen, Unglücksfällen und Skandalen

Wintersemester 2000/2001 | Stand: 30.06.2000 LV auf Merkliste setzen
222006
Medien und Gewalt III: "Wer ist schuld?" Über kollektive Erregungszustände bei Amokläufen, Unglücksfällen und Skandalen
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Anhand der Analyse von Filmen, Zeitungsberichten, Nachrichtensendungen und Fernsehdiskussionen wollen wir den heutigen Umgang mit gesellschaftlichen Ausnahmesituationen - wie sie etwa Amokläufe, große Unglücksfälle und Skandale darstellen - untersuchen und dabei vor allem die spezifische Rolle der Medien kritisch beleuchten. Zentrale theologische Themen wie Gewalt, Leid, Tod, Schuld und Vergebung, sollen in diesem Rahmen behandelt werden.
Als in Theben die Pest ausbricht und das Volk dahinrafft, tritt in Sophokles' "König Ödipus" der Hohepriester - stellvertretend für das Volk - flehend mit der Bitte an König Ödipus heran, er möge die Stadt endlich von der Pest befreien. Und Ödipus unternimmt alles, um den Schuldigen, den das Orakel als Urheber der Katastrophe benennt, zu finden und zu bestrafen. Am tragischen Ende ist Ödipus selbst dieser Schuldige; er ist es, der den Fluch der Götter auf sich gezogen hat und nun dafür büßen muß: einsam und geblendet wird Ödipus aus Theben verstoßen. Heute sind die verfluchenden und zürnenden Götter samt deren Orakel entthront und Gegenmittel gegen die verheerenden Krankheiten früherer Epochen gefunden, nicht zuletzt dank Wissenschaft und Medizin. Hat sich mit diesen Fortschritten auch die Frage nach der Schuld »humanisiert«, oder setzt nicht auch in unseren Gesellschaften die Hetzjagd nach »Schuldigen« unmittelbar ein, sobald sich Unglücke großen Ausmaßes ereignen? Egal ob es sich um spektakuläre Amokläufe, wie jene beiden in den Schulen von Jonesboro und Littleton oder jenem in Bad Reichenhall, oder um aufsehenerregende Unfälle, wie die Massenpanik im Bergiselstadion, das Grubenunglück in Lassing oder das ICE-Unglück in Eschede handelt, die Hohepriester der medialen Öffentlichkeit finden sich sofort (live) an der Stelle des Grauens ein und beginnen die Schuldfrage zu verhandeln. Je größer die Opferbilanz, desto wahrscheinlicher ist es, dass Ruhe erst wieder einkehrt, wenn Motive, Ursachen und Verantwortlichkeiten für ein Unglück eindeutig gefunden werden konnten. Mit anderen Worten: Wenn der/die Schuldige eindeutig identifiziert - und bestraft ist. Im Seminar wollen wir diese Phänomene anhand von Filmen - wie etwa Pasolinis "König Ödipus", Scorseses "Taxi Drive", Langs "M - Eine Stadt sucht einen Mörder", Hanekes "71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls" u.a. -, sowie anhand von Zeitungsberichten, Nachrichtensendungen und Fernsehdiskussionen untersuchen.
Filmsichtungen, Filmanalysen, Gruppenarbeit, Referate
Referat, Seminararbeit
- Adler, L.: Amok: Eine Studie. München 2000 - Devereux, G.: Normal und anormal: Aufsätze zur allgemeinen Ethnopsychiatrie. Frankfurt a.M. 1982 - Faulstich, W.: Einführung in die Filmanalyse. Tübingen 1994 - Girard, R.: Das Heilige und die Gewalt. Frankfurt 1992 - Monaco, J.: Film verstehen : Kunst, Technik, Sprache, Geschichte und Theorie des Films und der Medien. Reinbek/b.H. 1997 - Pfeiffer, W.M.: Transkulturelle Psychiatrie. Stuttgart 1994 Weitere Literatur wird bekanntgegeben.
*; Die Lehrveranstaltung ist für das Fächerbündel "Medien und Geisteswissenschaften" anrechenbar. Anmeldung im Sekretariat für Systematische Theologie, Karl-Rahner-Platz 1 / I.Stock, Tel. 0512/507-8561 oder per E-mail: Dietmar.Regensburger@uibk.ac.at .
Beginn: Vorbespr.: Fr, 13.10.2000, 15.00-16.30
./., SR III