222931 SE Forschungsseminar: Die anthropologische Herausforderung der Digitalen Revolution

Wintersemester 2020/2021 | Stand: 30.11.2020 LV auf Merkliste setzen
222931
SE Forschungsseminar: Die anthropologische Herausforderung der Digitalen Revolution
SE 2
5
Block
jährlich
Deutsch

Einübung in die Forschungspraxis ausgehend von einem interdisziplinär relevanten Forschungsfeld.

Nach Ansicht führender Technologiephilosophen stellt die digitale Revolution des 21. Jahrhunderts eine der größten zivilisatorischen Herausforderungen seit der Erfindung der phonetischen Schrift um 500 v. Chr. dar – der "Achsenzeit" der Weltgeschichte. Das Hauptproblem besteht jedoch nicht darin, dass unsere menschliche Intelligenz durch eine künstliche "Superintelligenz" ersetzt werden könnte, wie der Oxforder Philosoph Nick Bostrom behauptet. Das eigentliche Problem liegt vielmehr in der Tatsache, dass die digitale Revolution mit einer allmählichen Angleichung unserer gelebten Erfahrung an die probabilistische "Rationalität" geistloser Maschinen einhergeht. Dieses Problem wird nicht durch digitale Innovationen an sich verursacht. Vielmehr ist es das Resultat der ‚solutionistischen‘ und individualistischen Haltung liberaler Gesellschaften gegenüber der Idee wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritts und der daraus resultierenden lieblosen Gestaltung technologischer Innovationen. Die epistemische Fehlhaltung, die dieses Problem verursacht, wurde bereits 1936 in Edmund Husserls unvollendet gebliebenem Spätwerk über die "Krise der europäischen Wissenschaften" analysiert. Führende Technikphilosophen wie der Pariser Philosoph Bernard Stiegler bauen auf dieser Analyse auf und interpretieren die daraus resultierende Krise als Ursache der "symbolischen Verelendung " unserer Zeit – einer Art emotionaler und intellektueller Unterernährung, die verschiedene Arten kognitiver Proletarisierung provoziert (von Stiegler auch als "generalized stupefaction" bezeichnet).
Dieses Seminar baut auf dem ersten Teil eines noch nicht erschienen Buchs zu diesem Thema auf: "Wege aus der symbolischen Verelendung. Zur anthropologischen Herausforderung des Digitalen Zeitalters. Teil I: Transhumanismus als Symptom symbolischer Verelendung". Die jeweiligen Sitzungen werden sich auf die Frage konzentrieren, inwieweit der epochale Bruch des 21. Jahrhunderts eine Revision von Grundannahmen des modernen Humanismus und des modernen Verständnisses wissenschaftlicher Rationalität erfordert.
Die Untersuchung dieses Problemkomplexes wird eine kritische Erörterung elementarer Vorurteile der klassisch-analytischen "Philosophie des Geistes" im Lichte der jüngsten anthropologischen Diskussionen über das "Körper-Leib-Problem" (Thomas Fuchs) beinhalten. Nicht weniger kritisch werden aber auch Grundannahmen der klassisch-kontinentalen Tradition zu erörtern sein, wie die (sozioökonomisch) fatale Überzeugung, dass wir 'autonome Subjekte' seien. Die Genese beider Traditionen lässt sich auf die "metaphysische Rebellion" franziskanischer Theologie des späten Mittelalters zurückführen (Duns Scotus, William von Ockham). Aus diesem Grund wird die Suche nach alternativen Wegen in die Zukunft unsere Aufmerksamkeit auf verlässlichere tugendethische und mystagogische Denker wie Aristoteles, Augustinus, Thomas von Aquin, Meister Eckhart und Nikolaus von Kues lenken.

Lektüre und Diskussion.

Aktive Teilnahme und Senimararbeit.

Allgemeine Informationen zu Prüfungen, Terminen und Anmeldung am Institut auf: https://www.uibk.ac.at/systheol/lehre/pruefungen.html.de.

Bernard Stiegler, Die Logik der Sorge. Verlust der Aufklärung durch Technik und Medien (Frankfurt am Main: Suhrkamp 2008)
Bernard Stiegler, The Neganthropocene. Transl, by Daniel Ross (London: Open Humanities Press 2018)
Bruno Latour, Pandora's Hope. Essays on the Reality of Science Studies (Cambridge, Mass.: Harvard UP 1999) / Bruno Latour, Die Hoffnung der Pandora (Frankfurt am Main: Suhrkamp 2002)
Johannes Hoff, "Transhumanismus als Symptom symbolischer Verelendung. Zur anthropologischen Herausforderung der Digitalen Revolution". In: Stephan Herzberg; Heinrich Watzka (Ed.), Schöne neue Welt, oder was kommt nach dem Menschen? (New York - Berlin: De Gruyter 2020) (https://www.academia.edu/37992578/Transhumanismus_als_Symptom_symbolischer_Verelendung_Zur_anthropologischen_Herausforderung_der_Digitalen_Revolution_Final_Version_ )
Johannes Hoff, "Rückkehr zur Wirklichkeit. Wissenschaft und Spiritualität nach der Wiederentdeckung unserer leiblichen Existenz". In: Reiner Frey; Gerd Doeben-Henisch (Ed.), Meditation und die Zukunft der Bildung 2019: Spiritualität und Wissenschaft (Weinheim - München: Beltz-Juventa 2020) (https://www.academia.edu/41370894/JoH_R%C3%BCckkehr_zur_Wirklichkeit )
Thomas Fuchs, Das Gehirn als Beziehungsorgan. Eine phänomenologisch-ökologische Konzeption (Stuttgart: Kohlhammer 52016) / Thomas Fuchs, Ecology of the Brain. The Phenomenology and Biology of the Embodied Mind (Oxford: Oxford UP 2018)
Tamar Sharon, Human Nature in an Age of Biotechnology. The Case for Mediated Posthumanism (Dordrecht: Springer 2014)

Das Manuskript meines Buches wird bei der Vorbesprechung bereitgestellt. Weitere Quellenangaben erfolgen im Seminar.

keine

Ein an dieses Seminar anknüpfendes zweites Seminar im SS 2021 (222931) wird diese Diskussion unter stärker theologisch-spiritualitätsgeschichtlichen Vorzeichen fortführen und auf dem zweiten Teil des obigen Buchs aufbauen. Die jeweiligen Seminare können jedoch unabhängig voneinander besucht werden.

05.10.2020
Gruppe 0
Datum Uhrzeit Ort
Mo 05.10.2020
18.00 - 19.45 SR III (Theologie) SR III (Theologie) Barrierefrei Vorbesprechung und Terminvereinbarung
Fr 29.01.2021
09.00 - 16.00 eLecture - online eLecture - online
Sa 30.01.2021
09.00 - 16.00 eLecture - online eLecture - online